Das Kompetenznetz Lateinamerika ist ein Zusammenschluss historischer, ethnologischer, kulturwissenschaftlicher und soziologischer Institute der Universitäten Köln, Bielefeld und Bonn sowie zweier EinzelwissenschaftlerInnen aus Münster und Hannover (siehe Aufbau). In interdisziplinärer Projektzusammenarbeit nutzen Geistes-, Regional- und SozialwissenschaftlerInnen die Konzepte Ethnicity, Citizenship und Belonging, um die historisch spezifischen und jeweils kontextabhängigen Ausprägungen von symbolischen Grenzziehungen, Ordnungs- und Zugehörigkeitsvorstellungen in verschiedenen Regionen Lateinamerikas wissenschaftlich beschreibbar zu machen.
Der analytische Gehalt der Konzepte Ethnicity, Citizenship und Belonging ergibt sich aus deren Bedeutung im Alltag der Handelnden. Zudem begreifen wir die zu untersuchenden Abgrenzungs- und Zugehörigkeitsvorstellungen stets als kommunikativ vermittelt, was Interaktionen, Aushandlungsprozesse, Medien und Diskurse in ein komplexes Wechselverhältnis mit gesellschaftlichen Strukturen stellt.

1. Grundlinien des Forschungskonzepts und Begriffsdefinitionen

Ethnicity:

Ethnicity beschreibt ein sozial konstruiertes Phänomen, in dem kollektive Selbst- und Fremdzuschreibungen in Abgrenzung von einem Anderen vorgenommen werden. Dabei setzen die Akteure kulturelle Praktiken ein oder rekurrieren auf verschiedene Differenzierungsmerkmale, um sich selbst von anderen zu unterscheiden und bewusst abzugrenzen. Es handelt sich um ein dynamisches Konzept, das genutzt wird, um Menschen nach Kategorien zu klassifizieren. Einer der wichtigsten Referenzpunkte in den verschiedenen Semantiken des Ethnischen ist die Vorstellung einer gemeinsamen Herkunft (angelehnt an M. Weber).
In den vergangenen wie aktuellen lateinamerikanischen Gesellschaften ist sozio-ökonomische Ungleichheit von derartigen ethnischen Kategorisierungen nicht nur beeinflusst, sie bestimmt diese auch maßgeblich mit. Schon unter der kolonialen Herrschaft gehörten ethnische Kategorisierungen (das sistema de castas) zu den bedeutendsten sozialen Ordnungsmechanismen. So separierten die Spanier in vielen Gegenden die indigenen Bewohner räumlich wie sozial von der übrigen Bevölkerung. Die von den Spaniern geschaffenen Strukturen, die über drei Jahrhunderte die Gesellschaft Lateinamerikas prägten, überdauerten vielerorts die Zeit der Kolonialherrschaft und beeinflussen z. T. bis heute die sozialen Formationen vieler Staaten. Gleichzeitig sind politische Partizipationsrechte spätestens seit der Kolonialzeit implizit entlang ethnischer Kategorien organisiert und stellen somit in Lateinamerika eine bedeutende Ressource dar, die von verschiedenen Akteuren wie etwa indigenen Bewegungen zur Erlangung ihrer Ziele genutzt werden können. Der Versuch, (post-)koloniale wirtschaftliche und politische Ausschlüsse entlang der Kategorie zu entkräften, verstärkt wiederum die Ethnisierung des Politischen, was etwa dazu führt, dass sich einige lateinamerikanische Gesellschaften, wie beispielsweise Kolumbien, Ecuador oder Bolivien, in jüngerer Zeit explizit als „multiethnisch“ definieren. Seit dem 19. Jahrhundert wurde das „wissenschaftliche“ Konzept der Rasse benutzt, um in Lateinamerika Bevölkerungsgruppen voneinander abzugrenzen. Jedoch wurden, anders als etwa in den USA, auch die positiven Folgen einer Vermischung der vermeintlichen „Rassen“ als Gegenkonzept zu deren strikter Trennung propagiert (z.B. la raza cósmica von J. Vasconcelos in Mexiko). Dennoch wurden die afrikanischstämmigen und indigenen Bevölkerungsgruppen von den kreolisch-mestizischen Eliten häufig als minderwertig angesehen – was dazu führte, dass sie von einer Staatsbürgerschaft ganz oder teilweise ausgeschlossen blieben. Das Argument ethnischer Zugehörigkeit, das vor allem seit den 1970er Jahren verstärkt von indigenen Bewegungen propagiert wurde, ist weiterhin zentral für Fragen politischer, sozialer und kultureller Teilhabe.

Citizenship:

Die Reformulierungen des politischen Gemeinwesens, wie sie in der Geschichte Lateinamerikas vielfach beobachtet werden konnten, wie auch die Debatten um politische Ordnungsvorstellungen und deren Wandel untersucht das Kompetenznetz als Konfigurationen von Citizenship. Dieses Konzept beschreibt ein historisch spezifisches Bündel von bürgerlichen, politischen und sozialen Rechten und Pflichten (T. H. Marshall), wobei diese Trias mittlerweile von einigen um kulturelle Rechte und Pflichten ergänzt wird. Gleichzeitig bezeichnet Citizenship die ständig neue Aushandlung dieses Bündels zwischen politischen Institutionen mit Hegemonialanspruch, Individuen und Gruppen.
Citizenship ist also ein dynamisches Konzept: Sowohl die Rechte und Pflichten, die es einschließt, als auch die Frage, wer in welchem Maße (auch jenseits des formalen Rechtsstatus) Nutznießer staatsbürgerlichen Einbezugs sein kann, unterlagen und unterliegen einem laufenden Wandel. Diese Aushandlungen nehmen Bezug auf ein Staatsverständnis, in erster Linie europäisch-republikanischer Provenienz, das allen Staatsangehörigen als Individuen formal die gleichen Rechte und Pflichten verleiht und damit Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft schafft und Nicht-Staatsangehörige davon ausschließt. Diese Rechte und Pflichten gründen auf spezifischen Imaginarien von Gemeinschaft sowie entsprechenden grundlegenden Prinzipien gesellschaftlicher Teilhabe. De facto ist und war der Zugang der Individuen und Gruppen in verschiedenen (historischen) Phasen zu diesen Rechten aber nicht gleich, sondern Ausdruck unterschiedlicher Machtpositionen. Das vermochte auch die durch die Unabhängigkeitskämpfe zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlangte Souveränität nicht grundlegend zu verändern. Das liberale Versprechen der für alle „Staatsbürger“ formal gleichen staatsbürgerlichen Rechte überdeckt so bestehende ungleiche Machtverhältnisse. Staatsbürgerliche Rechte können damit Loyalität gegenüber einer „vorgestellten Gemeinschaft“ (B. Anderson) stiften und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Seit der Gründung von Nationalstaaten in Lateinamerika begünstigen diese je unterschiedlichen Konstruktionen der jeweiligen nationalen Wir-Gruppen bestimmte soziale Gruppen und benachteiligen andere. Die Ausweitung staatsbürgerlicher Rechte auf Angehörige weiterer (z.B.) ethnischer Gruppen unterliegt beständigen Aushandlungsprozessen. Das post-/ bzw. trans-nationale Verständnis von Citizenship sowie jüngere Forderungen über ethnische oder kulturelle Staatsbürgerschaft entlarven das Konzept einheitlicher Mitgliedschaft als nach wie vor uneingelöstes Versprechen und unterminieren es zugleich, indem sie nach Alternativen zum staatszentrierten Modell des Citizenship suchen. Es ist zu beobachten, dass gerade indigene Akteure und Bewegungen auf diesem Gebiet aktiv eigene Ordnungsvorstellungen von Gesellschaft in den politischen Diskurs einbringen (ciudadanía indígena, cultural citizenship).
Auch für die Migrationsforschung wird ein erweiterter Citizenship Begriff verwendet, der an alltagspraktischen Handlungen, politischen Initiativen und Aushandlungsprozessen derjenigen ansetzt, die als sogenannte non-citizens, eigentlich von den politischen Partizipations-möglichkeiten (z.B. Wahlrecht) ausgeschlossen sind. Dabei werden räumliche Grenzziehungen und Bezugspunkte, wie Nation und Kontinent überwunden, um die Untersuchung von raumübergreifenden und transnationalen Aktivitäten, die die sozialen Interaktionen in einer globalisierten Welt dominieren, zu begünstigen.

Belonging:

Vorstellungen und Konzepte des Begriffs Belonging variieren sowohl in der alltäglichen als auch in der wissenschaftlichen Verwendung. Eine erste wissenschaftliche Lesart des Begriffs bezieht sich auf Formen des Belonging, die als Selbst- oder Fremdzuschreibung genutzt werden, als Wunsch oder Anspruch dazuzugehören. Als solches wird Belonging als eine Art Metakonzept verwendet, das andere soziale Kategorisierungen, wie beispielsweise Ethnitcity oder Citizenship mit einbezieht. Diese formalen oder anders legitimierten Mitgliedschaften konstituieren ebenfalls eine Zugehörigkeit (Belonging) zu einer Gruppe. Aus diesen kollektiven Belongings, seien sie sozial konstruiert oder formal juristisch zugeteilt (wie beispielsweise eine Staatsangehörigkeit), lassen sich Prozesse des Ein- und Ausschlusses in eine bzw. von einer Gruppe ableiten. So kann ebenso untersucht werden, wie Machtverhältnisse dazu beitragen, dass gesellschaftliche Grenzen oder politische Einheiten definiert werden, die Zugehörigkeit verunmöglichen und damit Ausschluss produzieren (“politics of belonging“).
Demgegenüber steht ein Verständnis von Belonging, dass von der Bindung Einzelner an ihre natürliche und soziale Umwelt her denkt. Dieses Konzept von Belonging betont multiple und wandelbare Bindungen jenseits normativer Ordnungsvorstellungen. Diese situativen und multiplen Bindungen, die sozialer, materieller und sinnlicher Natur sein können, sind einem fortlaufenden Wandlungsprozess unterworfen und werden in den alltagspraktischen Handlungen und Erfahrungen der Akteure ständig neu artikuliert und ausgehandelt. In einer solchen Lesart setzt sich Belonging über jede Form der rechtlichen Legitimierung und Regulierung hinweg und entsteht als Folge von Ereignissen und im Rahmen individueller Lebensgeschichten. Das Konzept weist gerade in Zeiten globaler Netzwerke und Austauschbeziehungen auf die Kompatibilität unterschiedlicher Zugehörigkeitsvorstellungen hin und betont damit die Durchlässigkeit, nicht die Etablierung von sozialen Grenzen. Darüber hinaus bietet dieses Verständnis von Belonging, das relational und kontextbezogen ist, die Möglichkeit, über die Analyse von sozialen Phänomenen hinauszugehen und sowohl die dazu in Relation stehenden räumlichen als auch historischen Bezüge zu integrieren.
Beispielhaft zeigt sich dies vor allem im Zusammenhang mit der Erforschung transnationaler Bewegungen, Migration und Translokalität. In diesem Kontext spiegelt Belonging die komplexen Beziehungen, die Menschen zu verschiedenen Orten, multiplen Wirklichkeiten und sich ändernden sozialen und politischen Landschaften haben, wider. Anthias zufolge ist Belonging an der Schnittstelle zwischen der sozialen Position, die dem Individuum im Rahmen gesellschaftlicher Ordnungen zugeordnet wird, und der eigenen Positionierung innerhalb der Gesellschaft, angesiedelt. Die Kombination einer struktur- und akteursorientierten Migrationsforschung bildet einen guten Ausgangspunkt, um das Spannungsfeld zwischen eher essentialistischen Standpunkten des Belonging, wie beispielsweise der primordialen Vorstellung der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe oder einer Nation, und Vorstellungen der multiplen Bindungen, des Flusses und des Aufbrechens normativ belegter sozialer Ordnungen zu bearbeiten.

2. Ziele des Kompetenznetzes

Die drei Leitbegriffe des Kompetenznetzes berühren die weltweit zentralen Fragen von sozialem Ein- und Ausschluss. Forschungen dazu werden national wie international in den Politik- und Wirtschaftswissenschaften, der Soziologie und Ethnologie sowie in den Geschichts-, Kultur- und Sprachwissenschaften durchgeführt. Ein die Disziplinen übergreifender Austausch findet bislang jedoch nur begrenzt statt, wobei vor allem ein Mangel an institutionalisierten Plattformen und Netzwerken für den wissenschaftlichen Dialog mit der lateinamerikanischen Forschung konstatiert werden kann. Ein Ziel des Kompetenznetzes Lateinamerika ist es, dieses Defizit zu vermindern und die bestehenden Kompetenzen zu Lateinamerika zu bündeln und strukturell zu verfestigen.
Des Weiteren ist die gemeinsame Erarbeitung von disziplinär übergreifenden theoretischen Konzepten zu den Schlüsselbegriffen ein weiteres Ziel des Forschungsverbundes. 
Dazu werden im Rahmen der Teilprojekte eine Reihe aufeinander bezogener Fallstudien bearbeitet, die systematisch Ansätze der entsprechenden (nicht nur lateinamerikanischen) Theoriebildung zu Ethnicity, Citizenship und Belonging nutzen und dabei neu fokussieren. Ziel ist es, mit der theoretisch-methodischen Arbeit anhand einzelner Fallbeispiele nicht nur regionalspezifische Erkenntnisse zu erweitern, sondern auch Anstöße für die thematische Diskussion über diese Konzepte zu liefern.
Neben den übergeordneten theoretischen Forschungsfragen soll der Austausch über die jeweils verwandten Methoden besonderes Gewicht erhalten. Die gleichen Phänomene werden von den Projektmitgliedern anhand von Kommunikations-, Diskurs- und Medienanalyse, teilnehmender Beobachtung, biografischen Interviews und Netzwerkanalyse, der Auswertung von historischen Quellen sowie der Begriffsgeschichte untersucht. Diese Akteursperspektive wird von Fall zu Fall durch quantifizierende, strukturell beschreibende Ansätze in ein Wechselverhältnis mit gesellschaftlichen Strukturkategorien gesetzt. Dabei soll die Frage gestellt werden, wie sich aus Sicht der unterschiedlichen Disziplinen die Problemfelder modellieren lassen und welche Konzepte mit Gewinn „übersetzt“ werden können. Eher systematische und vorwiegend historisch-kulturwissenschaftlich ausgerichtete Disziplinen können sich so auf eine Weise ergänzen, die bislang in der Lateinamerikaforschung nur ansatzweise existiert. 

 

3. Teilprojekte

Soziale und kulturelle Differenz- und Zugehörigkeitskriterien, deren Genese, Mechanismen und Folgen, bilden den Analysegegenstand, der die Teilprojekte des Kompetenznetzes trotz ihrer jeweiligen spezifischen Schwerpunktsetzung eint. Die damit einhergehenden sozialen Ein- und Ausschlussprozesse werden von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst. Die Arbeitsgruppen setzen sich mit diesen verschiedenen Faktoren anhand dreier Teilprojekte auseinander. Im ersten Teilprojekt wird die Frage aufgeworfen, wie Ein-/Ausschlüsse im politischen Raum kommuniziert werden und von welchen Faktoren diese Kommunikation beeinflusst wird. Das zweite Teilprojekt beschäftigt sich mit dem politischen und sozialen Raum anhand des Beispiels der Migration und translokalen Beziehungen. Mittels der Anwendung einer relationalen und prozessualen Raumvorstellung wird einerseits die Bedeutung örtlich-materieller Bindungen für das Selbstverständnis von Migrant/innen untersucht, andererseits beschäftigt sich das Teilprojekt mit der Relevanz informeller Handlungen in einem Arbeitsmarkt, der zunehmend unsicher und marginalisierend ist. Im dritten Teilprojekt schließlich werden die Interdependenzen von Ethnizität und Staatsangehörigkeit mit anderen sozialen Kategorisierungen wie Klasse, Gender und Alter untersucht. Im Hannoveraner Teilprojekt werden ethnische Zuschreibungen in erster Linie in ihren Wechselwirkungen mit sozioökonomischen und politischen Veränderungen analysiert. Das Teilprojekt in Münster untersucht schließlich die historische Entwicklung der Staatsbürgerschaft für die indigene und afrikanischstämmige Bevölkerung in Mexiko im Übergang von der Kolonialzeit zum modernen Verfassungsstaat.

Neben der Universität zu Köln sind folgende Universitäten am Kompetenznetz beteiligt: